Arbeitshilfe
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Resilienz im Alter stärken
1. Einleitung
In einer Welt, die sich immer schneller dreht und von multiplen Krisen geprägt ist, wird die psychische Widerstandskraft – die Resilienz – zu einer Schlüsselkompetenz für ein gesundes Älterwerden und erfülltes Leben.
Dabei ist es besonders in der Lebensphase Alter entscheidend, „die Förderung der seelischen Gesundheit und die Prävention psychischer Erkrankungen (...), vulnerable(r) bzw. gefährdete(r) Menschen frühzeitig zu erreichen” (LGP NRW, 2022, S. 4).
Seniorenbüros spielen somit eine zentrale Rolle, um Menschen im Alter zu begleiten und ihre innere Stärke zu aktivieren, damit diese die individuellen und kollektiven Krisen konstruktiv bewältigen können.
2. Was ist Resilienz?
Resilienz bezeichnet die Fähigkeit, emotionale und mentale Belastungen sowie Stress zu überwinden, ohne dass daraus anhaltende psychische Störungen oder Stresserkrankungen entstehen. Es geht dabei nicht um eine unbezwingbare Härte, sondern vielmehr um eine „innere Elastizität“, die es erlaubt, auch unter Druck flexibel zu bleiben.
„Sie entsteht aus dem Zusammenspiel individueller Eigenschaften, sozialer Beziehungen und Umwelteinflüsse. Resilienz ist damit per Definition kein fester Persönlichkeitszug, sondern entwickelt sich im Laufe des Lebens weiter. Wissenschaftlich betrachtet handelt es sich um ein System aus inneren und äußeren Ressourcen, das Menschen befähigt, Krisen zu bewältigen und sich an neue Bedingungen anzupassen.“(Aok;
Resilienz: Definition und Bedeutung – einfach erklärt)
Die 7 Säulen der Resilienz als Kompass
Die Resilienzforschung stützt sich häufig auf 7 Kernfaktoren, Säulen oder auch Schlüssel, die dem Menschen auch im Alter Orientierung bieten. Das Modell der 7 Säulen der Resilienz basiert auf der psychologischen Forschung von Reivich und Shatté (2002) und wurde für die praktische Anwendung unter anderem von Micheline Rampe (2010) und Ursula Nuber (2018) geprägt.
Zentrale Haltungen zur Stärkung der persönlichen Resilienz:
- Optimismus: Eine zuversichtliche Grundhaltung bewahren und den Blick auf Chancen richten.
- Akzeptanz: Situationen, die nicht veränderbar sind, annehmen und Energie auf das Beeinflussbare lenken.
- Lösungsorientierung: Aktiv nach Handlungsmöglichkeiten und Auswegen suchen.
- Verlassen der Opferrolle: Gefühle von Hilflosigkeit erkennen und schrittweise überwinden.
- Verantwortung übernehmen: Für das eigene Wohlbefinden und die eigenen Entscheidungen einstehen.
- Netzwerkorientierung: Soziale Kontakte pflegen und Unterstützung aktiv annehmen.
- Zukunftsplanung: Trotz Krisen realistische Ziele für die kommenden Jahre formulieren.

Quelle: Nuber, U., & Schick, K. (2018). Die 7 Säulen der Resilienz. Hogrefe.
Die wichtige Erkenntnis dabei: Resilienz lässt sich lernen! Sie ist keine statische Eigenschaft, sondern ein dynamischer Prozess, der durch gezielte Übungen und soziale Einbindung gestärkt werden kann.
3. Warum ist das Thema Resilienz im Alter gerade so aktuell?
Senior*innen erleben aktuell eine Zeit „kollektiven Krisenerlebens“. Verschiedene Stressoren wirken gleichzeitig auf die Lebenswelt älterer Menschen ein:
● Vulnerabilität: Die Corona-Pandemie hat die eigene Verletzlichkeit drastisch vor Augen geführt. Der Krieg in der Ukraine zeigt aber auch die Verletzlichkeit der Landesgrenzen. Ebenso zeigen Angriffe auf Infrastruktur z.B. der Deutschen Bahn die Verletzlichkeit der Versorgungssysteme auf.
● Existenzielle Sorgen: Energiekrise und hohe Preise belasten viele. Die Angst vor Altersarmut und sozialem Abstieg wächst – aktuelle Daten zeigen, dass immer mehr Menschen über 65 Jahren auf einen Zuverdienst angewiesen sind, oft auch aus finanzieller Not (vgl. Statistisches Bundesamt, 2024).
● Globale Bedrohungen: Aktuelle Konflikte wecken oft traumatische Erinnerungen an die Erlebnisse und Verluste der Elterngeneration; Klimawandel und politische Polarisierung, Klimakatastrophen wie Starkregen oder Hitze verunsichern zusätzlich.
Dazu können individuelle Krisen kommen durch Erkrankungen, Verlust der Lebenspartnerin uam. .
Diese Belastungen können zu Rückzug und Einsamkeit, negativer Weltsicht und Depression oder einem Vertrauensverlust in gesellschaftliche Institutionen führen. Resilienzförderung ist daher heute eine notwendige Maßnahme zum Erhalt der Lebensqualität (nicht nur) von Senior*innen, zur Förderung politische Stabilität und für die Aufrechterhaltung des Gemeinsinns und Solidarität in der Gesellschaft.
4. Was hat Resilienz mit uns als Seniorenbüro und unserer Arbeit zu tun?
Seniorenbüros sind Orte der Gemeinschaft und Selbstwirksamkeit. Ihre Arbeit setzt genau dort an, wo Resilienz entsteht:
● Gemeinschaft erleben: Solidarität und soziale Kontakte sind die stärksten Schutzfaktoren gegen psychische Belastungen.
● Kommunikation: Durch das Thematisieren von Sorgen in einem geschützten Rahmen (psychologische Sicherheit) wird Stress abgebaut.
● Sinnstiftung: Ehrenamtliches Engagement bietet Senior*innen die Möglichkeit, „ins Tun zu kommen“ und sich selbst als wirksam zu erleben.
●
Orientierung: In einer unübersichtlichen Welt geben Seniorenbüros durch Aufklärung und Versachlichung Halt.
5. Wie können wir Senior*innen beim Aufbau ihrer Resilienz unterstützen?
Als Seniorenbüro oder freiwillig Engagierte können Sie gezielte Angebote schaffen, um die Resilienz in Ihrer Gemeinschaft zu fördern, denn Resilienzförderung ist eine Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit. Als Seniorenbüro stiften Sie Sinn, schenken Gehör und bauen Brücken. Nutzen Sie und Ihre Freiwilligen unsere Materialien, um das Thema in Ihre tägliche Arbeit zu integrieren.
Zum Thema Resilienz haben wir einen persönlichen Resilienz-Begleiter erstellt, der sich für alle Menschen in der Lebensphase Alter eignet:
Für alle Menschen, die eine Veranstaltung für Senior*innen, bspw. in Form eines Erzählcafes anbieten wollen, haben wir eine Präsentationsvorlage erstellt:
6. FAQ - Häufig gestellte Fragen
Kann man Resilienz auch im hohen Alter noch lernen?
Ja, absolut. Das Gehirn bleibt bis ins hohe Alter plastisch und lernfähig. Durch gezielte Übungen und soziale Kontakte können Senior*innen ihre Widerstandskraft jederzeit stärken. Einfache Anregungen finden Sie in unserem
Resilienz-Begleiter.
Welche Rolle spielt die Gemeinschaft für die Resilienz?
Soziale Einbindung ist einer der stärksten Schutzfaktoren. Einsamkeit ist ein massiver Stressfaktor. Seniorenbüros bieten den Raum für „Netzwerkorientierung“, indem sie Menschen zusammenbringen.
Was kann ich tun, wenn mich die Nachrichten über globale Krisen völlig überfordern?
Ein Schlüssel der Resilienz ist der Fokus auf den persönlichen Wirkungskreis. Anstatt Energie für Dinge zu verbrauchen, die man nicht beeinflussen kann, hilft die Frage: „Was kann ich heute in meinem direkten Umfeld tun, um mir oder anderen etwas Gutes zu tun?“ Dieses Erleben von Selbstwirksamkeit schützt vor Ohnmachtsgefühlen.
Warum ist es so wichtig, Ängste und Sorgen offen anzusprechen?
Das Benennen von Gefühlen (‚Affect Labeling‘) reduziert nachweislich die Aktivität der Amygdala, das ist der Bereich im Gehirn, der für die Verarbeitung von Emotionen zuständig ist. Über die Gefühle zu reden beruhigt das Stresszentrum im Gehirn und aktiviert das logische Denkzentrum.
Dazu bieten sich zwei Möglichkeiten an:
Ich kann den Stressor beschreiben, also den Impuls, der mich aufgeregt oder empört hat.
Oder ich kann meine eigene Reaktion auf den Stressor beschreiben, z.B. nachdem mich dieser Unbekannte so oberlehrerhaft angesprochen hat, bin ich mir wie ein unfähiger Schuljunge vorgekommen. (siehe auch:
Affect Labeling kann zum emotionalen cool-down beitragen 2024)
Im Seniorenbüros schaffen wir für diesen Austausch erforderlichen geschützten Raum. Das gemeinsame Reden hilft dabei, Sorgen zu ordnen und die innere Ruhe wiederzufinden.
Wie helfen persönliche Werte dabei, in Krisen stabil zu bleiben?
Werte wie Solidarität, Dankbarkeit oder Gelassenheit wirken wie ein innerer Kompass. Wenn die Welt im Außen unsicher wird, gibt die Rückbesinnung auf das, was einem persönlich wirklich wichtig ist, Halt. Wer seine Werte kennt, findet auch in schwierigen Zeiten leichter Sinn und Stabilität.
Was bedeutet es konkret, die „Opferrolle zu verlassen“?
Es bedeutet, sich bewusst zu machen, dass man trotz schwieriger Umstände kein hilfloser Spielball der Ereignisse ist. Durch kleine, eigenständige Entscheidungen und das Entdecken eigener Ressourcen gewinnen Senior*innen ihre Handlungsfähigkeit zurück und stärken ihr Selbstvertrauen.
Was ist das Besondere an Resilienz für Senior*innen?
Das Besondere ist der reiche Erfahrungsschatz: Senior*innen haben in ihrem Leben schon zahlreiche Krisen gemeistert. Diese „biografische Resilienz“ ist eine wertvolle Ressource. Im Alter geht es weniger um Leistungssteigerung, sondern vielmehr darum, trotz körperlicher Veränderungen oder dem Verlust von sozialen Rollen, die eigene Autonomie und Lebensfreude zu bewahren. Es ist die Kunst, die „innere Elastizität“ zu nutzen, um sich an neue Lebensphasen anzupassen.
Warum ist Resilienz im hohen Alter besonders relevant?
Senior*innen sind heute oft mit einem kollektiven und zugleich individuellem Krisenerleben konfrontiert. Aktuelle globale Unsicherheiten können alte, teils traumatische Erfahrungen reaktivieren. Zudem steigt im Alter das Risiko für soziale Isolation und gesundheitliche Einschränkungen. Umwelt- und Energiekrisen und hohe Preise belasten viele. Die Angst vor sozialem Abstieg wächst. Eine starke Resilienz wirkt hier als Schutzfaktor: Sie hilft dabei, nicht in die Resignation oder Einsamkeit abzugleiten, sondern aktiv und verbunden mit der Gemeinschaft zu bleiben.
Welche anderen Wörter für Resilienz gibt es?
Da der Begriff „Resilienz“ manchmal abstrakt wirkt, können im Alltag auch anschaulichere Begriffe verwendet werden:
● Psychische Widerstandskraft
● Seelische Elastizität (das Bild eines Gummibandes, das sich dehnt, aber nicht reißt)
● Innere Stärke
● Das Immunsystem der Seele
● Stehaufmännchen-Effekt.
Wie fange ich als Seniorenbüro am besten an, das Thema zu integrieren?
Man muss keine Expert*in sein, um Resilienz zu fördern. Starten Sie damit, Gemeinschaft zu stiften und Räume für Austausch zu schaffen. Nutzen Sie unsere vorbereiteten Materialien wie die Checkliste für kleine Impulse in Ihren Gruppen oder unsere Präsentationsvorlage für einen ersten Informationsabend.
7. Weiterführende Informationen & Quellen
Hier finden Sie die Grundlagen und Studien, auf die wir uns in diesem Text beziehen:
● BAGSO (2024): Ratgeber zu psychischer Gesundheit und Einsamkeit im Alter.
● BZgA (2023): Leitbegriffe zur Resilienzforschung (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung).
● Covey, S. R. (1989): The 7 Habits of Highly Effective People.
● LGP NRW (2022): Handlungsempfehlungen zum Aufbau und zur Förderung von Hilfestrukturen in den Kreisen und Kommunen des Landes Nordrhein-Westfalen für die Lebensphase Alter
● Lieberman et al. (2007): Studie zur Wirkung von Gesprächen auf das Gehirn („Affect Labeling“).
● Rampe, M. (2010): Der Resilienz-Faktor: Die sieben Schlüssel zu mehr innerer Stärke. München: Heyne.
● Reivich, K. & Shatté, A. (2002): The Resilience Factor: 7 Keys to Finding Your Inner Strength and Overcoming Life's Hurdles. New York: Broadway Books.
● Statistisches Bundesamt (2024): Datenreport zur Lebenslage und Erwerbstätigkeit im Alter.
● Woltering / LaS NRW (2022/2025): Fachvorträge und Arbeitsmaterialien zur Resilienz in Seniorenbüros.
● Zwingmann et al. (2022): Forschungsergebnisse zur Digitalen Resilienz und dem gesunden Umgang mit Medienstress.
Quellenhinweis: Dieser Text wurde auf Basis aktueller Fachvorträge der Bundesarbeitsgemeinschaft Seniorenbüros (BaS) und der Landesarbeitsgemeinschaft Seniorenbüros NRW (LaS NRW) sowie ergänzender wissenschaftlicher Quellen erstellt.

